K.a.V. Norica im ÖCV & K.a.V. Norica Nova im EKV - Hochschulverbindung im ÖCV. Über die Verbindung, Geschichte, Veranstaltungen sowie Publikationen, Funktionäre und Kontaktmöglichkeiten.

Norica – Its Finest Hour

Ein Beitrag aus der Verbindungszeitschrift „Fenster“ (Mai 2018)

(PDF-Version hier)

Von Hubert Pototschnig

Im April 2018 hat der Vorort Bajuvaria eine Podiumsdiskussion über das Jahr 1968 abgehalten. Vor kurzem, und zwar am 5. Mai d.J., ist ein Artikel in der New York Times über die Ereignisse im Mai 1968 in Frankreich erschienen.

Es begann in Paris am 3. Mai 1968 mit massiven Protesten, Straßenschlachten, Streiks und mit 600 Verhaftungen von Studenten durch die Pariser Polizei. Daniel Cohn-Bendit, wahrscheinlich der bekannteste französische Studentenführer, hat die Situation wie folgt zusammengefasst:

“The feeling we had in those days, which has shaped my entire life really, was: We’re making history. An exalted feeling – suddenly we had become agents in world history” (1)

In Österreich war das Jahr 1968 ebenso ein Höhepunkt der Agitationen der Linken mit laufenden Teach-ins, Sit-ins, Streiks und endlosen Diskussionen in den Hörsälen. Im gleichen Jahr 1968 hat die Norica Geschichte geschrieben.

 

Frankreich:

Mai 1968: Streik an der Sorbonne, welcher von den französischen Gewerkschaften mitgetragen wurde. Insgesamt waren 11 Millionen Arbeiter im Ausstand. Es gab kein Benzin mehr, die Züge kamen zum Stillstand und die Pariser Metro sperrte zu. De Gaulle ist aus Frankreich abgereist ohne mitzuteilen, ob und wann er wiederum zurückkommen würde.

Deutschland:

April 1968: Attentat auf Rudi Dutschke, den bekanntesten Anführer der Linken. Zuvor, 1967, wurde der Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration von der Polizei erschossen.

Österreich:

Mai 1968: Linke Studenten, z.B. Mühl, haben einen Hörsaal besetzt, eine Orgie abgehalten und „defecated“ auf dem Schreibtisch des Professors. Ein Jahr später wurden sie dafür von einem Gericht verurteilt.

 

Im Jahr 1968 wurde die ÖSU (Österreichische Studenten Union) von Helmuth Schattovits und Max Ortner gegründet und als Nachfolge-Partei des Wahlblocks vorgestellt, da der Wahlblock als zu konservativ und nicht mehr zeitgemäß betrachtet wurde und außerdem keine direkte persönliche Mitgliedschaft ermöglichte, sondern auf der Mitgliedschaft von Organisationen beruhte (z.B. CV, KV, Landsmannschaften etc.) Der Wahlblock hatte seit 1946 bei jeder ÖH Wahl eine Mehrheit erreicht und damit die ÖH beherrscht.

Die erste ÖSU Versammlung fand an der Universität Wien im SS 1968 statt. Auf dieser Versammlung wurde ich zum Wahlkampfleiter für die anstehenden ÖH-Wahlen im WS 68/69 gewählt. Die Wahlen waren im Jänner 1969. Die Aussichten eines Wahlsieges waren äußerst schlecht. Die ÖSU hatte nicht einmal einen Schreibtisch und kein Büro. Es gab auch so gut wie keine ÖSU Mitglieder. Die ÖSU war im Wesentlichen nur eine Idee, sonst nichts.

Da kein Büro existierte, wurde der Wahlkampf von der Norica Bude geführt. Das hat aber niemand gewusst, nicht einmal jene BbrBbr und CbrCbr, die bei der Wahl mitgewirkt hatten. Der für das WS 68/69 gewählte Senior Bernd Binder hat alle Veranstaltungen für das WS abgesagt, um den Wahlkampf durchführen zu können, d.h. die gesamte Nc Bude wurde ausschließlich für den ÖSU Wahlkampf verwendet. Das Verbindungsleben kam zum Stillstand.

Die Bude hat chaotisch ausgesehen, übersäht mit Flugzetteln und Plakaten, manche BbrBbr. haben auf den Couches übernachtet. Der gesamte CHC der Norica wurde für den Wahlkampf eingesetzt.

Das Problem für uns war, dass im SS 1968 die Linken (vor allem der VSStÖ, und zwar Peter Kowalski, Marina Fischer und Silvio Lehmann) mehrere Male pro Woche Veranstaltungen abhielten, und zwar Teach-ins, Sit-ins, Streiks mit endlosen Hörsaaldiskussionen und laufenden Demonstrationen, vor allem an der philosophischen Fakultät, welche die Linken kontrollierten. Der Guru der österreichischen Linken war Herbert Marcuse („One Dimensional Man“, 1964) im Gegensatz zu den USA, wo es C. Wright Mills war („The Power Elite“, 1956) über den Tom Hayden, der Verfasser des Port Huron Statements (1962), seine Diplomarbeit geschrieben hat.

In Europa war der Höhepunkt der linken Revolution im Jahr 1968 getragen von Studenten, die sich „Neue Linke“ nannten, und das Ziel hatten, die Studentenvertretung und die Universitäten radikal neu zu gestalten, z.B. die Hörsaal-Lesungen (statt Lesungen sollten es Diskussionsgruppen sein), die Prüfungen (die alle auf “multiple choice” umgestellt werden sollten) etc., aber auch die existierenden westlichen Demokratien sollten einer generellen Umstrukturierung unterzogen werden.

Der Begriff „Neue Linke“ wurde von C. Wright Mills kreiert. Die Neue Linke wollte sich von den bestehenden alteingesessenen (marxistischen) Linken abheben so wie dies im Port Huron Statement (ca. 63 Seiten) detailliert wurde. Es war keine Rede von Revolution, Sozialismus oder Befreiung der Arbeiterklasse, sondern von sozialer Gerechtigkeit, Besinnung auf amerikanische Wertvorstellungen sowie von Eigen- und Selbstregierung (“participatory democracy”), welche alle Lebensbereiche umfassen sollte.

In relativ kurzer Zeit wurden allerdings die ursprünglichen Konzepte der Neuen Linken nicht mehr verfolgt, die USA wurden vom Vietnam-Krieg durchgeschüttelt, und es entstanden ideologisch orientierte Studenten-Parteien (auch in Österreich), die sich auch als solches bezeichneten (Marxisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, …), die aber bei studentischen Wahlen keine nennenswerten Mandate erzielen konnten.

Die US Linken (SDS – Students for a Democratic Society) haben die deutschen Linken inspiriert (SDS – Sozialistischer Deutscher Studentenbund), welche wiederum die österreichischen Linken inspiriert haben („Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren“ – „Muff“ ist typisch deutsch, nicht österreichisch!).

Der von der Norica-Bude geführte Wahlkampf war eine Materialschlacht mit den Linken eines noch nie dagewesenen Ausmaßes (und auch mit den RFS, der damals ca. 1/3 aller Stimmen in der ÖH innehatte). Um ein Uhr nachts wurden unsere Plakate erstmalig von den Linken heruntergerissen. Wir haben sie neu gedruckt und wieder aufgehängt. Um ca. 3 Uhr Früh haben die Burschenschaften unsere Plakate wiederum heruntergerissen. Danach haben wir wiederum neue Plakate gedruckt, welche wir um ca. 4 – 5 Uhr Früh wieder aufgehängt haben. Danach mussten wir die Flugzettel fertig haben, die wir ab 8 Uhr morgens an die Studenten verteilen mussten.

Wir haben uns mit unserem (als gedruckte Broschüre verteiltem) Programm mit dem Titel “Demokratische Leistungsuniversität” (einschließlich der Forderung nach drittelparitätischer Mitbestimmung) in der Mitte zwischen den Linken und dem RFS positioniert.

Um es kurz zu machen: Was niemand erwartet hatte, ist eingetreten: Wir haben eine absolute Mehrheit errungen und haben alle Fachschaftsleiter gestellt, selbst auf der Philosophischen Fakultät. Ernst Bruckmüller wurde zum Fachschaftsleiter Philosophie wiedergewählt (Vorgänger: Clemens Steindl).

Damit war Österreich der einzige europäische Staat, in welchem die Linken die Studentenvertretungen nicht übernehmen konnten. Die Gründe dafür waren nicht nur der bemerkenswerte Einsatz der Noricer, und zwar nicht nur des ChC, sondern einer großen Anzahl von BbrBbr. Jeder Bbr., der bei der Tür hereingekommen ist, hat einen Stoß Flugzettel überreicht bekommen und ist damit zur Verteilung auf die Universität marschiert. Außerdem gab es einen CV, der eine tragende Rolle in den ÖH-Studentenvertretungen ausübte, ebenso wie der Einfluss des CV in der österr. bürgerlichen Gesellschaft beträchtlich war und seinen Niederschlag in der ÖVP fand.

Die Wahlergebnisse im Detail:

1969: ÖSU 49%, VSStÖ: 12%, RFS: 29%, zusätzlich gab es bürgerliche Fraktionen, die als Namenslisten kandidierten (Aktion 8%, christliche demokratische Studentenschaft 2% und eine Liste in Innsbruck, insgesamt 10%) welche mit der ÖSU abstimmten und damit die ÖSU Mehrheit absichern konnten. Somit hatte die ÖSU 59%.

1971: ÖSU 54 %, VSStÖ 11%, RFS: 25% sowie die Namenslisten in Graz (Aktion) und Innsbruck (ich war wiederum Wahlkampfleiter, dieses Mal für ganz Österreich). Die ÖSU erreichte 54%.

1974: ÖSU: 42%, VSStÖ 13%, RFS 21%, die bürgerlichen Fraktionen erreichten 9% (Aktion 3%, Fraktion Theologie 2%, Innsbruck 3.6%), und damit für die ÖSU wiederum die absolute Mehrheit (42% + 3% + 2% + 3.6% = ÖSU hatte 50.6%) sicherstellten. (Ich war ZA-Vorsitzender von 1972 – 74).

Wie aus den Wahlergebnissen klar ersichtlich ist, waren die Wahl-Ergebnisse für den VSStÖ zwischen 11% und 13%, d.h. der VSStÖ als Teil der SPÖ sowie als deren dominierende Vorfeldorganisation war lediglich eine Randerscheinung, obwohl viele spätere SPÖ Politiker als Studenten dabei waren, z.B. Bundespräsident Heinz Fischer, Karl Blecha, Hannes Androsch, Bürgermeister Häupl, Klubobmann Josef Cap etc. Wie eindeutig ersichtlich ist, hatte der VSStÖ im Jahr 1968 und in den Folgejahren nur eine untergeordnete Rolle in der ÖH, was sie bis heute nicht verwinden konnten.

Der VSStÖ hat auch keinen einzigen Antrag am Zentralausschuss durchgebracht, z.B. wurde jeder Vietnam-Antrag niedergestimmt. Die vom VSStÖ veranstalteten Demonstrationen (vornehmlich für eine Beendigung des Vietnam-Krieges und Verurteilung der USA) hatten nicht mehr als ca. 800 Teilnehmer. Die von der ÖH (ÖSU) durchgeführten Demonstrationen hatten ein Minimum von 2.000 Teilnehmern, die größte von der ÖH (ÖSU) abgehaltene Demonstration hatte 10.000 Teilnehmer (1969 studierten in Wien rund 30.000 Studenten, davon an der Universität Wien 20.000 Studenten).(2)

Die ÖSU gab es bis 1983. Ab diesem Jahr kandidierte die ÖSU als Aktionsgemeinschaft.

Die eindeutig wichtigste Wahl war im Jahr 1969, weil (a) uns niemand auch nur irgendeine Erfolgschance gegeben hatte, gegen die Linken zu gewinnen (wir haben sogar mit gewaltiger Mehrheit gewonnen), (b) wir dadurch beweisen konnten, dass wir wählbar waren, und (c) mit dem sagenhaften Wahlergebnis die ÖSU eine ernst zu nehmende politische Plattform wurde, welche bis 1983 die studentische Politik dominieren konnte, insgesamt also 14 Jahre. Danach war es die aus der ÖSU entstandene Aktionsgemeinschaft, welche bis 1995 Mehrheitspartei wurde.

Wir haben deswegen bei den nächsten zwei Wahlgängen (1971 und 1974) ebenso eine absolute Mehrheit erzielt, da wir zahlreiche politische Erfolge für die Studenten erringen konnten, z.B. wurde die studentische Mitbestimmung auf allen Ebenen und in allen Gremien eingeführt (Universitätsorganisationsgesetz), die Studiengebühren wurden abgeschafft und das Studium wurde kostenlos, der Präsenzdienst wurde geteilt und der Zivildienst eingeführt (nachdem eine ÖSU-ÖH Demonstration mit 10.000 Teilnehmern abgehalten wurde), Studentenfreifahrten von und zum Heimatort wurden kostenlos, eine grundlegende Reform der Studentenheime (wurden damals wie Priesterseminare geführt) hat stattgefunden unter der Federführung von Gerald Freihofner (ZA-Pressereferent und Herausgeber der Zeitschrift ÖSU-Report), und nachdem der Generalsekretär der Akademikerhilfe, Sepp Gottfried Bieler, über Nacht im Pfeilheim eingemauert worden war, Novellierung des Sozialversicherungsgesetzes (Krankenversicherung für alle Studenten) und Umwandlung der ÖH in Kapitalgesellschaften (mit studentischer Mehrheit im Aufsichtsrat), um nur einige Änderungen zu nennen.

Die personellen Resultate waren, dass Max Ortner (Rd) ZA-Vorsitzender wurde, Stefan Schulmeister (AW) als HA Vorsitzender wiedergewählt war, Karl Aiginger stv. HA Vorsitzender wurde und in der Folge Romeo Reichel FS Leiter Medizin, Richard Proksch (Am) Fachschaftsleiter Juristen wurden (Nachfolger Peter Bruck) und Georg Karasek HA Vorsitzender und ZA Vorsitzender war (1976-77) mit Karl Schön als Generalsekretär.

In 1977 erzielte Georg Karasek 48% der Stimmen, welche, zusammen mit JES (10.2%) und dem Forum Graz (2.4%), insgesamt 60.6% waren, während der VSStÖ magere 17% errang.

Die K.a.V Norica hat zweifelsohne auf Hochschulboden Außergewöhnliches geleistet. Mit dem Wahlsieg von 1969 und den darauffolgenden Wahlerfolgen wurde ein politischer Trend für die bürgerlichen Studenten losgetreten, welcher (als ÖSU) für die Dauer von ca. 14 Jahren (1969-1983) beherrschend war und zu absoluten Mehrheiten führte, und danach als Aktionsgemeinschaft weitere 12 Jahre Mehrheitsfraktion war, und bis 1995 den ZA-Vorsitzenden stellte, eine Entwicklung, welche von den Linken sprachlos verfolgt wurde, die aber nichts dagegen machen konnten. Fiduzit!

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Anmerkungen:

(1) New York Times, “May 1968: A Month of Revolution Pushed France Into the Modern World”, Alissa J. Rubin, 5. Mai 2018

(2) Hubert Pototschnig, Studentenvertretung in Österreich – Erinnerungen an die Zeit von 1968 – 1974, American Speedy Printing Center, New York, Mai 1998