K.a.V. Norica im ÖCV & K.a.V. Norica Nova im EKV - Hochschulverbindung im ÖCV. Über die Verbindung, Geschichte, Veranstaltungen sowie Publikationen, Funktionäre und Kontaktmöglichkeiten.

Erinnerung an Johann Gruber: Zum 60. Todestag eines österreichischen Märtyrers

Ein Beitrag aus der Verbindungszeitschrift „Fenster“ (2004)

(PDF-Version hier)

Von Wolfgang J. Bandion

Am 7. April 2004 jährt sich zum sechzigsten Mal der Todestag eines Menschen, der seinen Auftrag und seine Sendung als Priester gerade unter extremsten Bedingungen überzeugend vorgelebt hat. Ein Heiliger, auf jeden Fall ein Märtyrer des 20. Jahrhunderts, der – je nach Standpunkt – verleumdet und todgeschwiegen, verehrt und bewundert wurde. In Österreich weitgehend vergessen, in seiner engeren Heimat Oberösterreich nur mehr wenigen ein Begriff, wurde sein Andenken im Ausland stets hoch gehalten. Sein gewaltsamer Tod am Karfreitag 1944 in Gusen, dem größten Nebenlager von Mauthausen, hat nicht nur auf Katholiken und Christen unter den Häftlingen großen Eindruck hinterlassen, sondern stärker noch auf Nichtglaubende und der Religion eher gleichgültig Gegenüberstehende. Johann Gruber schaffte es mit seiner offenen Art, allen Menschen zu helfen und in ihnen das Ebenbild Gottes zu sehen. Durch seinen gelebten christlichen Humanismus erwarb er im Lager Vertrauen und Respekt. Seine Bezeichnung als „Papa Gruber“ tat seinem Ansehen als Priester keinen Abbruch, verstärkte dies im Gegenteil eher noch.

Wer war dieser Johann Gruber? Der Platz vor dem Memorial in Gusen ist heute nach ihm benannt. Im Foyer des ÖCV-Hauses finden wir seinen Namen unter  den Opfern, die für  Österreichs Freiheit starben. Lange Zeit war sein Name aber nicht mehr als ein Eintrag auf der Totenliste im Traditionszimmer unserer Verbindung (der K.a.V. Norica und der Norica Nova), der er seit dem Wintersemester 1919/20 angehörte. Zwiespältig und ungenau waren die Informationen, die man über Gruber hatte. Beliebt bei seinen Schülern, eng mit dem ständestaatlichen Regime verbunden, ein österreichischer Patriot ohne „großdeutsche“ Sehnsüchte, war er schon vor 1938 Anfeindungen der illegalen Nationalsozialisten ausgesetzt. Personen wie Gruber waren für die Nazis Feindbilder und standen in den Verhaftungslisten an vorderster Stelle. Gruber war jedenfalls ein Todeskandidat, noch bevor gegen ihn Anklage erhoben wurde.

Johann Gruber war kein großer Theoretiker, eher praktisch veranlagt und als Lehrer allen neuen Erkenntnissen aufgeschlossen. Seine geradlinige Haltung, gepaart mit Humor und Lebensfreude, hatten ihm nicht immer nur Freunde eingebracht. Auch im katholischen Milieu, in dem vor 80 Jahren vor allem „in der Provinz“ noch Enge und Prüderie verbreitet waren, stießen seine Vorstellungen eines Wirkens in der Welt mit ihren vielschichtigen Problemen auf manche heute vielleicht nur schwer nachvollziehbare Ablehnung.

Als Direktor des Blinden- und Taubstummen-Institutes in Linz konnte er viele Reformen durchführen. Denunzierung, antideutsche Propaganda und angebliche sexuelle Belästigungen gegenüber blinden Mädchen brachten ihn in eine aussichtslose Lage. Ohne Möglichkeit einer echten Verteidigung stand nach entsprechend kommentierten Presseartikeln sein Ende bereits fest. Auch wenn die Vorwürfe nicht erhärtet wurden, zur Verurteilung zu zwei Jahren Haft reichte es aus. Danach aber wurde keine Entlassung aus dem Gefängnis empfohlen, sondern, wie es die Gestapo wollte, Schutzhaft und Überstellung in ein Konzentrationslager, erst Dachau, später Mauthausen, angeordnet. Dort beginnt sein Leben als Märtyrer und dort, inmitten des Terrors und des Grauens, wird er sein Leben für andere hingeben.

Im Lager organisierte er einen illegalen Schulunterricht für polnische Jugendliche. Er zog einen Handel mit von außen ins Lager geschmuggelten Waren auf, vermutlich nicht ohne Wissen mancher SS-Stellen. Dieser Tauschhandel mit Zigaretten, Speck und Alkoholika ermöglichte vielen seiner Schützlinge das Überleben. Die tägliche zusätzliche Suppe für 30-40 Häftlinge, ohne die ein Überleben nicht möglich gewesen wäre, wurde damit finanziert. Französische und belgische Häftlinge erinnern sich noch heute daran. Sie waren damals 18-20 Jahre alt; heute leben nur mehr sehr wenige von ihnen. Sie waren es, die das Andenken an Johann Gruber über all die Jahrzehnte wach hielten.

Entsetzt mussten sie aber feststellen, was nach 1945 aus dem Jour-Haus des Lagers Gusen wurde. Dort, wo man Gruber ermordete, steht heute ein Einfamilienhaus. Nicht ein neues Haus, sondern das „umgebaute“ SS-Kommando. Eine Stelle, an der jegliche Erinnerung ausgeblendet und verschwiegen wird. Das tut jenen weh, die noch die Schreie der Folteropfer im Ohr haben, die den blutverschmierten Körper Johann Grubers am Boden der Zelle liegen sahen und die sein Sterben in ihre Hoffnungen aufnahmen.

Johann Gruber baute im Lager ein großangelegtes System auf und verfasste auch eine Dokumentation über Mauthausen-Gusen. Vermutlich wurde dieser Bericht entdeckt und der Gestapo in Wien intern zugespielt, weshalb Johann Gruber „ausgeschaltet“ und liquidiert werden musste. Sein Tod hinterließ in Gusen eine nicht auszufüllende Lücke, Trauer, aber auch Hoffnung. Die von „Papa“ Gruber für Ostern 1944 schon organisierten Zwiebel und Margarinewürfel wurden nach seinem Tod von seinen Schützlingen gemeinsam verzehrt. Johann Gruber gab ihnen die Kraft, auch noch das letzte Kriegsjahr zu überleben und in ihm, wenn sie an seine Worte dachten, eine menschliche Stütze zu finden: „Gib dich nicht auf, werde gesund. Widerstand im Lager heißt zuallererst einmal zu essen, um zu überleben, dann kommt das Beten.“

Erinnern an Johann Gruber heißt, seine Hoffnung an ein befreites und besseres Österreich, an ein Zusammenleben so viele Menschen verschiedener Sprachen, Religionen und Weltanschauungen in Europa weiterzugeben und zu leben, so wie er es in vielen gemeinsamen Gesprächen mit jungen Häftlingen erträumt hatte. Erinnerung ermöglicht so aber auch die Erneuerung der starken Tradition, in der wir als Christen besonders zu Ostern stehen: Im Glauben an die Auferstehung dem Bösen zu widersagen.